Arjuna Ardagh & Andrew Cohen
ARJUNA ARDAGH: Wir möchten darüber sprechen, ob man heute einen Lehrer braucht. Ist es hilfreich oder manchmal sogar ein Hindernis einen Guru zu haben? Wir werden darüber vielleicht eher in einer traditionellen Weise sprechen. Der Lehrer, zu dem wir beide eine tiefe Verbindung haben, ist H. W. L. Poonja, den viele als Papaji kennen. Er war auch der Lehrer von Isaac Shapiro, Catherine Ingram, Gangaji und vielen anderen. Papaji setzte tatsächlich eine Satsang-Welle in Gang, die sich in den 90ern und bis in die frühen 2000er fortsetzte. Bei ihm nahm wirklich sehr viel seinen Anfang.
ANDREW COHEN: Ich war ursprünglich einer der ersten Satsang-Lehrer, bevor ich aufhörte, Satsang zu lehren.
AA: Ja, ich war auch Satsang-Lehrer und hörte auch damit auf. Sprechen wir über Papaji selbst und teilen unsere Erfahrungen. Er war ein intensiver Lehrer. Ich habe noch nie von einem Lehrer mit solch einer kraftvollen Übertragung und so einer kraftvollen transformativen Präsenz gehört. Was waren deine Erlebnisse mit ihm?
AC: Ich traf ihn zu einem Zeitpunkt, an dem ich aufgegeben hatte. Ich war wirklich ein sehr ernsthafter Sucher, und ich war entschlossen, eine tiefe und unwiderrufliche Veränderung in meinem Leben zu erfahren. Ich war ein sehr entschlossener Sucher. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits viele Lehrer gehabt. Acht Jahre lang war die spirituelle Suche das Wichtigste in meinem Leben gewesen und in gewisser Weise hatte ich die Nase voll von Lehrern. Aber als ich von diesem bemerkenswerten Schüler des großen Meisters des 20. Jahrhunderts Ramana Maharshi hörte, fühlte ich, dass ich ihn treffen musste. Aber als ich ihn traf, war ich sehr zögerlich, weil ich wirklich nichts mit in einem Lehrer oder Guru zu tun haben wollte. Ich wollte nicht mehr in die Falle einer hierarchischen Beziehung tappen.
Ich traf ihn, bevor er entdeckt und bekannt wurde. Er lebte im zweiten Stock im Haus seines Sohnes. Wie viele wissen mögen, lebte Meister Poonja ein einfaches Leben; als ich zu ihm kam, empfing er mich auf seinem Bett sitzend. Als ich in sein Zimmer ging, sagte ich, ich hätte keine Erwartungen, und er sagte mit sehr lauter Stimme: „Das ist gut!“ Wow, das beeindruckte mich, er ließ mich einen Standpunkt der Unabhängigkeit einnehmen.
Sehr schnell, ich glaube gleich beim ersten Treffen, fragte ich ihn: „Wie sehr muss man sich anstrengen, wenn man frei sein will?“ Er flüsterte: „Du brauchst keinerlei Anstrengung, um frei zu sein.“ Als er diese Worte äußerte, sah ich in meinem inneren Auge einen Bach oder ein Gewässer, das einen Hügel hinab floss. Und ich erkannte in diesem Moment, dass dieses Wasser meine eigene Wahre Natur war, dass ich immer frei gewesen bin und dass es eine Illusion gewesen ist, dass ich nicht frei war. Ich war fassungslos, dass meine Wahre Natur innewohnende Freiheit war: Ich bin immer frei gewesen; es war eine Illusion, dass es eine Blockade oder ein Hindernis gäbe und dass ich unfrei sei. Dieser Moment der Einsicht dauerte ungefähr fünf Minuten. Ich schaute auf den Boden. Dann rief er: „Das ist es!“ Ich schaute hoch und sagte: „Wie konnten Sie das wissen?“ Er lachte laut. Das war der Beginn meiner Begegnung mit diesem außergewöhnlichen Mann.
Dann geschah das zweite wichtige Ereignis. Ich verbrachte drei Wochen mit ihm. Wir gingen am Morgen und am Nachmittag spazieren, und oft aß ich mit ihm und seiner Familie zu Mittag. Nachmittags ging ich in mein Hotel und machte ein Nickerchen. Zu der Zeit führte ich Tagebuch. Eine tiefe Erfahrung folgte auf die andere, und ich dachte, dass ich wahrscheinlich mit dem außergewöhnlichsten Mann zusammen war, den ich jemals getroffen hatte. Dann fragte ich mich wieder, ob er bloß ein verrückter alter Mann sei, und ich keine Ahnung hätte, worüber er sprach. Ich schwankte zwischen Zweifeln und tiefer Überzeugung.
Zu dieser Zeit beschäftige ich mich sehr mit der philosophischen Frage, was die eigentliche Natur der Wirklichkeit sei: Was ist die eigentliche Natur Gottes, von Wahrheit? Ist es Fülle? Wenn im Vedanta die Natur von Brahman beschrieben wird, die Natur der absoluten Wirklichkeit, hat sie eine Qualität von Fülle. Als Sucher verbrachte ich sehr viel Zeit mit buddhistischen Praktiken, und natürlich war für die Buddhisten die letzte Natur von Wirklichkeit die Leere. Zu dieser Zeit in meinem Leben war das eine Frage auf Leben und Tod für mich. Niemand hatte diese Frage beantworten können, keiner meiner Lehrer, niemand, den ich gefragt hatte. Deshalb fragte ich eines Tages: „Was ist die letztendliche Natur der Wirklichkeit, von Gott? Ist es Fülle oder Leere?“ Er sagte, das seien zwei Seiten derselben Medaille. Das befreite mich von einer enormen existenziellen und philosophischen Spannung.
Mit 16 Jahren hatte ich eine spontane Erweckungserfahrung, eine Erfahrung von kosmischem Bewusstsein, durch das ich zu dem erwachte, was ich wirklich bin und was wir alle wirklich sind. Es war ein Erwachen zur endlosen, anfangslosen, ewigen Natur der Wirklichkeit. Es war ein Erwachen zum Absoluten. Es war die tiefste Erfahrung, die ich je hatte, und ich erzählte vielen meiner früheren Lehrer von dieser Erfahrung. Aber sie konnten nichts damit anfangen. Schließlich erzählte ich Papaji sehr detailliert, was damals passiert war, und er sagte: Andrew, du weißt bereits alles.
Das erleichterte mich; denn er war eine große, profunde spirituelle Autorität – und hatte natürlich auch diese kraftvolle energetische Übertragung, von der du gesprochen hast. Das befreite etwas, das in gewisser Weise schon in meinem Innern geschehen war. Es löste einen energetischen Prozess aus. Ich verließ ihn für drei Wochen. Und er sagte mir, dass etwas sehr Großes mit mir geschehen würde. Etwa drei Wochen lang durchlebte ich einen starken energetischen Prozess.
Am Ende dieses Prozesses war ich nicht länger dieselbe Person. Ich fand mich plötzlich in der Position eines Lehrers, der mehr oder weniger über Nacht sehr starke und tief greifende Wirkungen auf andere hatte. Ein wichtiger Moment war dieser: Ich war in einem Hotelzimmer in Neu-Delhi. Ich erinnere mich, dass ich eines Morgens mich selbst auf dem Bett sitzend wahrnahm und die Worte sprach: „Ich gebe dir mein Leben hin, tu mit mir, was du willst.“ Ich gab mich nicht so sehr seiner Person hin, als vielmehr der energetischen Präsenz, die mir gefolgt war, und die mit mir war, seitdem ich seinen physischen Körper verlassen hatte.
Als ich diese Worte äußerte, sah ich einen Strudel in meinem inneren Auge, und ich wusste, dass in diesem Strudel mein ganzes Leben, meine Absichten und mein Karma waren, und alles fiel von mir ab. Danach wusste ich, dass ich nicht wusste, was die Zukunft bringen würde. Ich flog zurück nach Lucknow, um ihn zu sehen, und ich fiel ihm zu Füßen. Das ist die kurze Version der Geschichte.
AA: Heute, 21 Jahre später, wollen wir darüber sprechen, ob man immer noch solch eine Art von Beziehung haben muss. Aber vorher möchte ich noch meine Geschichte von meinem Treffen mit ihm erzählen. Es gab viele, viele Ähnlichkeiten. Wie du war ich auch seit langer Zeit auf der Suche. Meine Suche kam tatsächlich aus einem Leiden heraus. In meiner Familie gab es sehr viel Leid. Ich begann mit 14 Jahren zu meditieren, als Alternative zum Selbstmord, wirklich. 20 Jahre später, als ich 34 war, übte ich intensiv Transzendentale Meditation, und ich war zehn Jahre lang mit Bhagwan Rajneesh in Indien gewesen.
Dann las ich dein Buch My Master is My Self. Ich dachte, wenn es eine einprozentige Chance gibt, dass das, was Andrew Cohen passiert ist, mir auch passiert, dann fahre ich hin. Ich hatte nur dein Buch gelesen, ich wusste nichts Weiteres. Ich kam im Clarks Avadh Hotel an, das das indische Äquivalent eines 5-Sterne Hotels war. Ich kannte niemanden und ich suchte Poonja im Telefonbuch. Ich fand jemanden und rief an, und diese Stimme sagte merkwürdig kauend: „Ok, ich komme morgen um elf Uhr.“
Am nächsten Morgen um elf kommt Poonjajis Sohn, etwa fünfzigjährig, auf einem kleinen Moped vorbei. Ich sollte mich hinten draufsetzen, und wir begannen die verrückteste Reise meines Lebens in dichtem Verkehr und in einer Luft voller Abgase. Er brachte mich zu Poonjajis Haus. Etwa acht Leute saßen auf dem Boden gegen die Wand gelehnt um ihn herum. Er saß auf einer leicht erhobenen, hölzernen Plattform. Als ich in den Raum trat, trafen sich unsere Augen, und etwas in mir sagte: „Das ist es. Ich bin erledigt. Ich kann diesen Menschen nicht überleben.“ Als ich in seine Augen blickte, wurde mir klar, dass niemand ihm entkam.
Ich saß dort und hörte nur zu. Er sprach viel über Fülle und Leere und über viele andere Dinge. Morgens gab es eine Tee-Pause, und während alle Tee tranken, ging er in das Hinterzimmer, um Tabak zu kauen. Ich wurde eingeladen, ihn unter vier Augen zu treffen. Ich ging in das Hinterzimmer, und er fragte schroff: „Was willst du?“ Ich sagte also, dass ich so lange ich mich erinnern kann, auf der Suche bin – ich suche, ich suche, ich suche. Was steht dem Finden im Weg?
Er schaute mich an, als ob das die dümmste Frage wäre, die er jemals gehört hätte. „Was dem Finden im Weg steht? Das Suchen natürlich!“ Das brachte meine Welt völlig durcheinander. Mir wurde klar, dass die Anstrengungen, erleuchtet zu werden, all diese Anstrengungen, das größte Hindernis zur Freiheit waren. Das größte Hindernis war direkt vor mir.
Wie du blieb ich dann mit ihm. Morgens ging ich zu ihm, nachmittags ging ich zurück ins Hotel. Der Moment des Umschwungs passierte im Hotelzimmer. Es war die sechste Nacht. Ich ging zu Bett mit der Absicht, „diese Sache zu Ende zu bringen“. Er hatte mir gesagt: Wenn ich frei sein möchte, solle ich ihm denjenigen bringen, der festgebunden war. Dann würde er ihn befreien. „Bring mir das Ego, das festgebunden ist, und ich werde dich befreien.“ In dieser Nacht schrieb ich ihm einen Brief, in dem ich ihn bat, mich von meinem Ego zu befreien. Ich faltete den Brief und legte mich hin. Nach einer unruhigen Nacht, so um sechs Uhr morgens, kam mir in den Sinn, dass meine Aufgabe für den heutigen Tag sei, mein Ego zu finden und es Poonjaji zu bringen. In einer Art Halbschlaf suchte ich das Ego, die Entität, den getrennten Teil. Meine Aufmerksamkeit erweiterte sich und streckte sich und streckte sich und streckte sich bis zur Unendlichkeit. Plötzlich krümmte sich mein Körper 20 oder 30 Minuten lang vor Lachen. Ich saß auf meinem Bett, Lachschauer gingen durch meinen Körper, und mir wurde gewahr, dass ich mein ganzes Leben versucht hatte, von etwas loszukommen oder etwas zu verbessern, das es in Wirklichkeit gar nicht gab. Ich lebte dann ein Jahr mit ihm und wurde schließlich Satsang-Lehrer. Es gibt also viele Ähnlichkeiten in unserer Erfahrung.
AC: Eine seiner großen Gaben war es, Menschen dazu zu bringen, die Überzeugung fallen zu lassen, dass sie nach etwas suchten, das außerhalb von dem existierte, was sie bereits waren.
AA: Genau.
AC: Er konnte jenseits des Verstandes dem Selbst spiegeln, dass man schon dort ist. Jenseits von Worten konnte er den Menschen einen kraftvollen Eindruck dieser Wahrheit geben. Einige, die bereit waren, das zu akzeptieren, wurden dadurch dauerhaft transformiert. Für viele andere war es eine kraftvolle Erfahrung ihrer wahren Natur.
AA: Dann passierte etwas, das euch in gewisser Weise voneinander entfernte. Worum ging es dabei, Andrew?
AC: Das bräuchte sicher ein längeres Gespräch aber ich kam zu der philosophischen Schlussfolgerung, dass diese Lehre, obwohl sie kraftvolle Erweckungserlebnisse hervorrufen konnte, nicht genügte, um einen fortlaufenden, tieferen Transformationsprozess auszulösen. So wie er lehrte, muss man sich von der Zeit lösen, wenn man nach Zeitlosigkeit sucht. Alle Formen von Praxis, die in und durch Zeit geübt werden, um uns jenseits von Zeit zu bringen, halten uns getrennt von dem, was wir suchen. Die einzige Möglichkeit, Zeitlosigkeit zu erfahren, ist, hier und jetzt die Zeit loszulassen. Dann bist du bereits dort.
Das war wahr und funktionierte bei mir und offensichtlich auch bei dir. Während ich diesen Weg lehrte, und viele Menschen kraftvolle Einblicke und Erfahrungen machten, begann ich zu verstehen, dass höhere psychologische, emotionale, philosophische und moralische Entwicklung bei den meisten Menschen Zeit, Praxis und Einsicht erfordert. Es ist ein sehr tiefer und komplexer Lernprozess, der von den meisten Menschen mehr fordert, als einen Flash der Unendlichkeit. Als ich bei ihm war, dachte er, er würde bald sterben. Es ging ihm körperlich nicht gut, und er war wirklich von seinem baldigen Tod überzeugt. Er sagte mir, dass ich derjenige gewesen sei, auf den er gewartet hatte, und er wollte, dass ich Verantwortung für diese Arbeit übernehme. Und er sagte unzweideutig zu mir: „Ich will nicht, dass du dich für irgendetwas auf mich stützt. Alles was ich zu lehren habe, habe ich dir bereits eröffnet und gegeben. Du bist von nun an selbstständig.“ Ich nahm ihn beim Wort. Während meiner Lehrtätigkeit kam ich zu der Erkenntnis, dass ein Flash von Erleuchtung ein kraftvoller Katalysator ist, um einen Transformationsprozess zu initiieren. Allerdings bleibt für die meisten Menschen dann wirklich noch sehr viel Arbeit zu tun.
Wie du zum Beispiel. Du warst viele Jahre lang auf der Suche. Du hast sehr viel praktiziert. Ich war auch ein intensiver Sucher. Ich habe auch sehr viele Übungen gemacht, sehr viel nachgedacht, viele Einsichten gehabt, viele Unterscheidungen und Betrachtungen erlebt. Mir wurde klar dass, ein großer Teil des Transformationsprozesses nur vom Einzelnen selbst vollzogen werden kann. Das brachte ich also in meine Lehre. Als er hörte, dass ich den Menschen auftrug, etwas zu tun, empfand er natürlich, dass es das genaue Gegenteil seiner Lehre war, die da lautete: „Hör auf irgendwas zu tun, du bist bereits dort.“ Ich schätzte diese Wahrheit sehr, ich dachte wirklich, dass er völlig recht hatte. Jedoch brauchen die meisten Leute mehr als das. Es war ein grundsätzlicher, philosophischer Widerspruch.
AA: Jetzt, 21 Jahre später, teile ich mehr oder weniger die gleichen Schlussfolgerungen. Ich weiß nicht so genau, wie du mit Menschen arbeitest. Aber ich lege einen großen Wert darauf, dass die Menschen diese direkte Erfahrung machen. Ich lehre eine Methode, die Awakening Coaching heißt. Ich lege einen großen Wert darauf, dass diese Erfahrung von Transzendenz allem vorangeht. Dann braucht es einige Übung, um es voll zu integrieren, damit deine Verwirklichung und dein Leben in Einklang miteinander kommen. Ich denke, wir können nicht genug betonen, wie wichtig eine wahre Erfahrung von Unendlichkeit ist, von Stille und von Liebe und von Nicht-Getrennt-Sein. Für mich ist das die Triebkraft, die die Evolution weiterbewegt. Was denkst du darüber?
AC: Ich stimme dir aus vollem Herzen zu. Was wir brauchen, ist spirituelles Selbstvertrauen. Das ist das Ergebnis tiefster Überzeugung, die auf tiefer, transformativer, transrationaler Erfahrung basiert, die ohne jeden Zweifel die letztendliche Natur von Wirklichkeit, Existenz und des Selbst erkennt. Die Erfahrung muss so tief sein, dass wir trotz der Fähigkeit unseres Verstandes, Zweifel und Verwirrung zu kreieren, überzeugt sind.
Nachdem ich Indien verlassen hatte, kam ich einige Monate später wieder, um Meister Poonja zu besuchen. Er saß in einem Stuhl, als ich in den Raum trat, und sagte: „Andrew, ich bin so glücklich, dass du einen Freund gefunden hast, den du niemals sehen werden kannst.“
AA: Was für eine wunderbar rätselhafte Beschreibung.
AC: Weil die letztendliche Natur von Brahman vom Verstand und vom psychologischen Selbst nicht zu verstehen ist. Ob jemand erleuchtet ist oder nicht, ist also eine Frage in welchem Grad man absolutes Vertrauen und absolute Überzeugung in das hat, was man nicht sehen kann, und was der Verstand nicht erfassen kann.
AA: Wunderschön. Bevor wir weiter darüber sprechen, was sich in den letzten 21 Jahren entwickelt hat, möchte ich ein Geständnis machen. Es gibt diese philosophische Diskussion über Anstrengung, keine Anstrengung, absolute Verwirklichung, relative Verkörperung und vieles mehr. Darüber hinaus gibt es einen anderen, sehr menschlichen Aspekt, den ich mit Poonjaji erlebte. Ich habe ganz sicher niemals soviel Liebe gespürt wie mit ihm. Ich habe niemals einen Menschen so leidenschaftlich und tief und unerschrocken geliebt wie ihn. Weil ich ihn immer noch liebe, schaut sein Bild mich in meinem Büro an. Ich brauche ihn bloß anzuschauen, und ich kann mir nicht vorstellen, irgendjemandem mehr zu lieben, als ich ihn geliebt habe. Und ich glaube nicht von irgendjemandem mehr geliebt worden zu sein, als von ihm. Auch wenn er manchmal sehr grob war. Manchmal warf er mich hinaus oder sprach nicht mit mir. Einmal sprach er sechs Wochen lang nicht mit mir, aber ich fühlte mich auch geliebt.
Transzendenz, das Öffnen zur Unendlichkeit, ist auf viele Wege möglich. Ich bin darin eingeführt worden, und ich habe viele Menschen dahin geführt. Aber diese Liebe, die ich zu ihm empfand, kann ich nicht duplizieren. Deshalb ist er mein Lehrer, mein geliebter Lehrer. Wie die Beziehung zwischen Rumi und Hafiz. Wie ist das für dich? Fühlst du die gleiche Art von leidenschaftlicher Liebe zu ihm, all die Jahre später?
AC: Der energetische Prozess, den er in den Tiefen meines Seins und meiner Seele ausgelöst hatte, war die Erfahrung einer Art von unpersönlicher, absoluter Liebe, die physisch unerträglich war, und die mich vollkommen und vollständig überwältigte. Die absolute Dimension der Wirklichkeit selbst, die er mir offenbart hatte, erfuhr ich als absolute Liebe. Ich liebte ihn sehr. Aber was Poonjaji für mich heute darstellt, ist die Unmittelbarkeit erleuchteten Gewahrseins. Dass es bereits da ist. Vor etwa drei Jahren, am Jahrestag meines Treffens mit ihm und meines Erwachens, erschien plötzlich völlig unerwartet ein Bild seiner physischen Form vor meinem inneren Auge. Mehr in meinem subtilen Körper als in meinem Verstand. Er schwamm in einem Meer aus strahlendem Licht, und ich wurde überwältigt von solcher Liebe, wie du sie beschreibst. Diese Erinnerung an ihn ist eingeprägt, jenseits von Zeit, jenseits der Erinnerung an ihn. Diese Erfahrung war der Beweis, dass es da ist und dass es wahr ist, und dass es immer jenseits des Verstandes und jenseits von allem, was zwischen uns passiert, da sein wird. Für mich repräsentiert er also die Unmittelbarkeit des erleuchteten Gewahrseins.
AA: Was für ein unglaublich gutes Schicksal hatten wir beide, damals in den frühen 90ern als Männer in den Dreißigern, diesen Löwen des Erwachens zu treffen.
AC: Ja, ich traf ihn mit 30 Jahren, als die Beziehung zu meinem früheren Lehrer zu Ende gegangen war, und als die Beziehung zu meiner derzeitigen Partnerin vorbei war. Ich trat an seine Tür wortwörtlich mit völlig leeren Händen. Es hätte keine perfekteren Umstände geben können, einen solchen großen Meister, Lehrer und Menschen zu treffen.
AA: Es ist wirklich ein Genuss für mich, dies mit dir zu teilen. Das macht uns zu Brüdern, fast näher als Blutsbrüder, dass wir gesegnet wurden vom selben Lehrer, in der gleichen Weise. Es ist vielleicht die tiefste Form von Bruderschaft. In Indien nennt man das „Gurubai“, Brüder der gleichen spirituellen Übertragungslinie.
AC: Genau, das ist ein äußerst einzigartiger Bund, der sehr schwer zu verstehen ist, wenn du ihn nicht selbst mit jemandem teilst.
AA: Und wir beide haben nicht nur diesen Bund des Gurubai, wir beide sind uns auch der Notwendigkeit der Verkörperung bewusst geworden, der evolutionären Natur des Erwachens.
AC: Du wolltest noch auf die Frage eingehen, ob ein Lehrer heutzutage notwendig ist.
AA: Ja, heute, 2012, würden wir Menschen empfehlen, loszugehen, um auch zu erfahren, was uns passiert ist? Oder hat such die Natur der Lehrer-Schüler Beziehung tatsächlich in den letzten 20-30 Jahren dramatisch entwickelt?
AC: Mein Gefühl dazu ist sehr einfach, Arjuna. Die Reise höherer menschlicher Entwicklung, spiritueller Entwicklung, ist eine Reise vom Groben zum Subtilen, vom Subtilen zum Subtileren, zum noch Subtileren und zu immer subtileren Ebenen. Wenn wir uns für höhere Entwicklung interessieren, dann ist das etwas sehr Schwieriges, etwas, das man fast unmöglich allein machen kann, weil wir keine Ahnung haben, wohin wir gehen. Und wenn wir wirklich ernsthaft daran interessiert sind, suchen wir Menschen, die weiter gegangen sind als wir, und die viel mehr als wir selbst über dieses Gebiet wissen. Ich denke, das ist unschätzbar.
Wir leben in einer pluralistischen Kultur, die keine Hierarchie mag. Die Vorstellung, dass irgendjemand mehr über etwas weiß, als wir selbst, wird oft als ein Problem gesehen. Komischerweise ist es o. k. einen Sport-Guru zu haben, niemand findet das herausfordernd, oder sagen wir einen Finanz-Guru. Aber wenn du einen spirituellen Guru hast, sagen die Leute: „Oh, du hast deine Autonomie abgegeben, du hast deine Seele verkauft.“
Es gibt einen Unterschied zwischen einem Lehrer und einem spirituellen Meister oder Guru. Ein Lehrer ist jemand, der das Terrain kennt. Er hat tiefe Erfahrungen gemacht und er kennt Techniken und Methoden, die er anderen Leuten beibringen kann. Aber er ist selbst noch nicht fest verankert auf der anderen Seite. Ein Guru oder spiritueller Meister ist fest verankert auf der anderen Seite. Er kann in dem Maße, in dem er auf der anderen Seite zuhause ist, direkt von dieser aus sprechen. Durch seine Stimme und in unterschiedlichem Maße durch sein Sein wird die nicht-relative oder absolute Dimension der Wirklichkeit selbst angesprochen. Solch ein Mensch hat die Fähigkeit, sein eigenes Verständnis und seine eigenen Verwirklichungen direkt zu übermitteln. Beide, Lehrer und spirituelle Meister, sind wertvoll. Wenn du etwas gelesen hast aber keine direkte Erfahrung davon hast, es aber selbst erfahren willst, dann macht es Sinn, dass du die Hilfe und Führung von jemandem in Anspruch nimmst, der entweder eine Menge mehr darüber weiß als du, oder noch wichtiger, auf der anderen Seite sicher zuhause ist.
AA: Interessant. Ich werde ein drittes Wort zu dem Vokabular hinzufügen. Du hast Lehrer und Guru genannt. Es gibt einen Ausdruck, in den ich mich in den letzten Jahren wirklich verliebt habe. Es ist die Wissenschaft und Kunst des Coachings, was übrigens zeitgleich mit dem Aufkommen von Satsang geschah. Coaching kommt aus dem Bereich des Sports. Thomas Leonard sah in den frühen Neunzigern die Möglichkeit, Lebens-Coaching zu anzubieten. Ich habe diese Metapher des Coachings in die Spiritualität gebracht. Das war wahrscheinlich mein winziger Beitrag zur kollektiven Evolution. Es gibt etwas sehr Schönes an dem Begriff Coaching, weil er eine nicht-hierarchische Beziehung beschreibt. Er meint zum Beispiel, dass wir beide uns für ein Wochenende zusammenfinden könnten, wir könnten anerkennen, dass wir beide große Weisheit besitzen und erwacht sind. Aber wir können auch bemerken, dass wir blinde Flecken haben. Ich könnte blinde Flecken haben in einem Gebiet, in dem du sehr klar bist, und du könntest blinde Flecken haben in einem Gebiet, in dem ich sehr klar bin. So könnten wir uns gegenseitig helfen, ohne Notwendigkeit irgendeiner Hierarchie. Darauf ist tatsächlich meine ganze Arbeit aufgebaut. Ich trainiere Leute darin, Awakening-Coach zu sein. Du musst nicht besonders erleuchtet sein, um Menschen zu helfen, ein Erwachen zu erfahren. Du musst lediglich demütig sein und bereit, andere Wege zu gehen und Fragen zu stellen. Und wenn du in dieser Weise bereit bist, präsent zu bleiben, musst du nicht am Ende deines eigenen Prozesses angekommen sein, um anderen in ihrem Prozess helfen zu können.
AC: Das leuchtet mir sehr ein, und ich denke, das ist eine großartige Idee. Eines möchte ich allerdings hinzufügen. In der vormodernen traditionellen Weltsicht sowohl im Osten als auch im Westen gibt es den Begriff der vollständigen Erleuchtung. Das heißt, du bist am Ende des Entwicklungsprozesses angekommen, basierend auf einem zyklischen Weltbild, worin sich Zeit in Zyklen oder Kreisen bewegt, wie in einem Karussell. Deshalb sage der Buddha, als er dies bemerkte: Ich möchte diesen ewigen Kreiskauf verlassen.
Im Buddhismus gibt es die Vorstellung, aus diesem Rad des Werdens aussteigen zu können. Gemäß des traditionellen östlichen Models fallen alle Fesseln, die dich an die Erde und an den Körper binden, weg, sobald du dich von deinen Wünschen, von deinem Wollen befreist – allesamt Synonyme für dein Ego, für dein kleines Selbst. Ein vollständig verwirklichter Meister wie der historische Buddha oder wie der große Ramana Maharshi selbst, sind solche Beispiele. Sie sagen, sie haben Reinkarnations-Kreislauf beendet.
In der evolutionären Weltsicht spielt die Zeit sich nicht in Zyklen oder Kreisen ab. Sie ist tatsächlich linear. Sie begann vor 14 Milliarden Jahren, als das Universum geschaffen wurde. Vor 5 Milliarden Jahren wurde die Erde geschaffen, Leben entstand vor 4 Milliarden Jahren, menschliche Kultur vor ungefähr 250.000 Jahren.
Wenn wir auf all das, worüber wir gesprochen haben, im Kontext von kosmischer, biologischer und kultureller Evolution gucken, gibt es kein Ende des Werdens, es gibt kein Ende höherer Evolution oder höherer Entwicklung. Von dieser Perspektive aus glaube ich nicht, dass es für irgendjemanden möglich ist, zu einem Ende seines eigenen Potenzials oder seiner Entwicklung zu kommen. Es geht immer weiter. Ich selbst lerne unaufhörlich, wachse unaufhörlich, entwickle mich unaufhörlich. Ich fühle, dass ich mich ewig weiter entwickeln werde. Aber in Zusammenhang mit unserem Thema ist es wichtig anzuerkennen, dass jeder Mensch in unterschiedlichem Grade das kleine Selbst, das falsche Selbst losgelassen hat. Und in welchem Maße sie tatsächlich nicht länger mit den Ängsten und Wünschen des kleinen Selbst identifiziert sind. Und in welchem Maße sie wirklich spontan mit der Energie und Intelligenz des kreativen Universums identifiziert sind – oder mit dem Geist als Schöpfer oder in der traditionellen Ausrichtung mit dem Sein. Das ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Wenn es einen Identifikations-Wechsel gibt, wenn wir, wie ich es nenne, die 50 Prozent-Marke überschreiten, dann sind wir wirklich weniger mit dem kleinen psychologischen Selbst, mit unserem kulturell konditionierten Selbst, identifiziert. Dann identifizieren wir uns wirklich mit dem Geist selbst. Das ist grundlegend. Das meine ich mit der anderen Seite. Selbst bei 51 Prozent – wenn wir mehr mit Geist identifiziert sind, als mit dem psychologischen Selbst – liegt noch eine weite Strecke vor uns. Wir befinden uns alle in Entwicklung.
AA: Danke, es ist sehr schön, diese Zeit mit dir zu verbringen.
AC: Ich habe sehr genossen mit dir zu sprechen, mein Freund.
Dieses Gespräch wurde im Rahmen der „Enlightenment Conference“ geführt.
www.theenlightenmentconference.com
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