Intersubjektives Bewusstsein und Entwicklung der Kultur



Interview mit Andrew Cohen

Februar 10th, 2010 by · Kommentare deaktiviert · Andrew Cohen, Intersubjektives Bewusstsein und Entwicklung der Kultur

Was ist deine Vision?

F: Welche Vision inspiriert deine Arbeit? Was versuchst du zu erreichen?

A: Die Welt zu verändern. Das ist ein großer Anspruch, aber es stimmt. Meine Arbeit ist nichts geringerem gewidmet als einer totalen Revolution des menschlichen Bewusstseins – einer Revolution, die zum Wohle von uns allen geschehen muss. Denn wenn sich nicht etwas sehr Grundlegendes verändert und das schnell geschieht, dann werden wir uns einer katastrophalen Zukunft gegenüber sehen. Es gibt zu viele von uns auf unserem Planeten und seine Resourcen werden auf tragische Weise überbeansprucht. Menschen haben jetzt die Macht, Leben zu schaffen oder zu zerstören, wie sie bisher nur die Götter hatten, und dennoch hinkt unsere moralische, ethische und spirituelle Entwicklung weit hinterher. Ich versuche den Menschen zu helfen, ihre eigene Erfahrung in diesem Kontext zu betrachten, denn dann wird die ganze Sache der spirituellen, evolutionären Entwicklung plötzlich sehr relevant – ja, sie wird sehr dringlich. Wenn du anfängst, an dich heranzulassen, wie groß dieser Kontext wirklich ist, wirst du erkennen, dass das außergewöhnliche Potenzial deiner eigenen persönlichen Transformation und die Notwendigkeit es zu verwirklichen, vollkommen untrennbar ist von der Lage in der wir uns als Spezies befinden. Letztendlich ist die Krise der Welt eine spirituelle. Sie ist eine Krise des Bewusstseins.

F: Warum sagst du, dass die Krise der Welt eine spirituell ist?

A: Nun, weil es klar ist das keine Einzelperson oder Gruppe sich bewusst entschlossen hat, die Welt zu verschmutzen oder zu übervölkern. Aber einfach auf Grund eines Mangels an Aufmerksamkeit, einer kleingeistigen und selbstzentrierten Perspektive von Einzelnen und ganzen Kulturen, haben wir die Krise geschaffen in der wir jetzt stecken. Und es ist nicht so, dass wir nicht die praktischen Lösungen haben für die Probleme, denen wir uns gegenübersehen, doch wir betrachten diese Schwierigkeiten noch immer aus der gleichen alten Perspektive, aus der wir sie geschaffen haben. Deshalb muss eine bedeutende Minderheit von uns ganz dringend ein Sprung machen, einen Sprung des Bewusstseins, einen moralischen, einen spirituellen Sprung. Wir müssen unser Bewusstsein über diese niedrigere Stufe hinaus entwickeln, dieser kleingeistigen und selbst-zentrierten Perspektive zu einer viel höheren und umfassenderen Sichtweise.

F: Wenn das von Einzelnen abhängt, wie kann diese Art von Veränderung in einem Masstab geschehen, der wirklich etwas verändert?

A: Die Menschen, die am weitesten entwickelt sind, müssen diesen Sprung machen und den Weg in die Zukunft bahnen. Und das bedeutet uns – du und ich, jetzt in diesem Moment, genau hier. Verstehst du, allein die Tatsache, dass du über diese Fragen überhaupt nachdenkst, bedeutet, dass du Teil einer privilegierten Minderheit bist. Die meisten Menschen auf diesem Planeten haben gar keine Zeit auch nur anzufangen, über diese philosophischen und spirituellen Fragen nachzudenken, weil sie all ihre Zeit und Energie dem reinen Überleben widmen müssen. Die kleine Minderheit, die wir darstellen, die die Zeit und Umstände genießt, nach innen zu schauen, befindet sich in einer sehr glücklichen Lage und könnte wirklich etwas verändern. Aber das Verrückte ist, dass wir uns weigern das zu tun. Warum? Weil wir zu beschäftigt sind, uns um uns selbst zu sorgen. Die tragische Ironie des postmodernen Schlamassels, in dem wir uns befinden, ist, dass viele der am weitesten entwickelten und privilegiertesten Menschen auf dem Planeten in einer emotionalen und psychlogischen Beziehung zum Leben verloren ist, die sehr primitiv ist – ein Sumpf aus Narzissmus und Selbstsorge.

Das ist also unsere evolutionäre Herausforderung. Wir müssen genug Herz haben, unsere spirituelle Sehnsucht in dem größtmöglichen Zusammenhang zu sehen, so dass wir gezwungen sind, uns aus unserem Narzissmus und unserer Selbstsorge zu erheben. Wir müssen den Mut aufbringen, zusammen zu kommen und uns den Herausforderungen, denen wir uns gegenüber sehen, stellen. Und um das zu tun brauchen wir eine neue Spiritualität. Wir brauchen eine neue Erleuchtung.


Was ist evolutionäre Erleuchtung?

Zweiter Teil eines Multimedia Interviews mit Andrew Cohen

F: Warum brauchen wir eine neue Spiritualität?

A: Weil wir im 21.Jahrhundert leben. Wir befinden uns nicht im alten Indien oder dem Israel biblischer Zeiten, oder, wenn ich das sagen darf, auch nicht mehr in den 60er Jahren. Und wir müssen herausfinden, was Spiritualität, und ihr letztendliches Ziel, die Erleuchtung, in unserer Zeit bedeuten. Verstehst du, viele von uns postmodernen Menschen sind in einer Zeit großer Übergänge aufgewachsen, die uns ohne irgendeinen spirituellen, moralischen, philosophischen und ethischen Kontext, ohne eine Richtung für unser Leben zurückließ. Wir waren zu gebildet um an die Mythen unserer Traditionen zu glauben und entwickelten uns darüber hinaus. Doch das Problem ist, dass wir nichts gefunden haben, dass an ihre Stelle treten könnte. Deshalb treiben wir spirituell dahin. Wir mussten unseren eigenen Weg finden und die meisten von uns haben das nicht besonders gut gemacht. In den 60er Jahren haben sich einige von uns dem Osten zugewandt um Antworten zu finden, die wir zuhause nicht gefunden haben und entdeckten dabei die Erleuchtungstraditionen und ihren Reichtum alter Weisheit. Aber viele von uns finden jetzt heraus, dass die traditionellen Ansätze des Ostens und des Westens in vielen Aspekten den Bedürfnissen der sich entwickelnden Menschen unserer Zeit nicht ausreichend entsprechen.

F; Worin liegt das Problem der traditionellen Ansätze?

A: Einfach ausgedrückt – die Traditionen nehmen sich nicht des kosmischen, evolutionären, sich in der Zeit vorwärts bewegenden Kontextes der menschlichen Entstehung an. Und besonders im Osten wird die Transzendenz in der Regel zu stark betont. Zum Beispiel ist das Ziel vieler traditioneller Lehren der Erleuchtung ein Bewusstseinszustand, der das Individuum von der Welt befreit. Und in diesem Sinne sind die spirituellen Bestrebungen vieler Christen gar nicht so verschieden – denn ihnen es geht darum, dass man in den Himmel kommen kann, wenn man stirbt. Aber solange das Ziel des spirituellen Weges jenseits der Welt liegt, ob wir es nun Nirvana oder Himmel nennen, wird man letztendlich immer eine gespaltene Beziehung zu dieser Welt haben. Und wie wir alle wissen, scheinen viele ernsthafte und aufrechte spirituelle Menschen, von buddhistischen Mönchen hin zu Christlichen Priestern oft eine geteilte Einstellung zum manifesten Bereich zu haben. Siehst du, jede Betonung der Transzendenz macht es schwierig, auf wirklich ganzheitliche, integrierte und vollkommen lebensumarmende Weise mit der Erfahrung des Menschseins umzugehen. Und heutzutage wird das Konzept der Transzendenz zu oft wie ein Betäubungsmittel benutzt, um die enorme Komplexität der Herausforderung zu vermeiden, ein leidenschaftliches, engagiertes Leben in dieser verrückten Welt zu führen. Deshalb versuche ich, eine neue Erleuchtung zu definieren, bei der es ganz darum geht, das Leben und diese Welt zu umarmen –leidenschaftlich, mit ganzem Herzen und ohne Angst. Das nenne ich evolutionäre Erleuchtung.

F : Warum ist diese neue Erleuchtung evolutionär?

A : Weil ihr Zweck die Evolution ist. Das Ziel ist die Befreiung vom Ego, genauso wie in der traditionellen Erleuchtung, aber nicht mehr als Mittel um der Welt zu entkommen. In dieser neuen Vision der Erleuchtung sucht man die Befreiung von den Fesseln des Egos, von narzisstischer Selbstsorge, so dass man endlich in der Lage, ist mit ganzem Herzen an der Entfaltung der Evolution selbst teilzunehmen. Genau darum geht’s. Siehst du, wann immer wir uns die menschliche Erfahrung in einem evolutionären Zusammenhang anschauen, ändert sich das Bild.

F : Was ist der ‘evolutionäre Zusammenhang’ von dem du sprichst?

A : Also, es bedurfte 14 Milliarden Jahre der Evolution um die Materie so weit zu entwickeln, dass du anfangen kannst, diese Tatsache zu verstehen. Denk’ darüber nach. Wir wissen wirklich erst seit 150 Jahren von der Evolution. Als die großen Traditionen entstanden, war das Wissen, dass wir Teil eines sich entwickelnden Universums sind, noch nicht verfügbar. Doch jetzt beginnen wir diesen außergewöhnlichen Entwicklungs-Prozess zu verstehen, der uns bis zu diesem Punkt gebracht hat. Und wenn du das an dich heranlässt, ändert sich alles. Plötzlich siehst du deine eigene Erfahrung nicht mehr als kleines persönliches Melodrama, in dem du gefangen bist, sondern du erkennst es als winzigen Teil einer sich entfaltenden, unendlich großen Symphonie der Schöpfung. Und du wirst erkennen, dass dieser Kontext eine vollkommen andere Beziehung zum Leben von dir verlangt.

F : Warum würde es unsere Art zu leben verändern, wenn wir die Evolution verstehen?

A : Wenn wir diesen enormen evolutionären Kontext verstehen, fangen wir an zu schätzen, welch ein Privileg es ist, hier zu sein. Und wir merken plötzlich, dass wir die außergewöhnliche Möglichkeit haben, zu uns zu entscheiden all unsere Energie diesem evolutionären Prozess, von dem wir ja schon ein Teil sind, zu widmen. Wir sind schon ein Teil davon, aber wir sind uns dessen nicht bewusst. Die meisten von uns sind sich des großen Zusammenhangs nicht bewusst, indem sich unser Leben vollzieht. Doch unsere Erleuchtung beginnt, wenn wir uns dieses Zusammenhangs bewusst werden und erkennen, dass wir mit der Macht der freien Entscheidung an sich uns nicht nur von Narzissmus und Unwissenheit befreien, sondern gleichzeitig auch eins werden können mit der Kraft der Schöpfung.

Verstehst du, alles hängt von der Freiheit der Wahl ab, die wir als Menschen besitzen. Unsere Befreiung und unser Gefangensein. Es gibt keine andere Spezies, die die Macht hat, zu wählen, sich zu entwickeln. Anbetracht dieser Entdeckung musst du dich fragen: Was fange ich an mit diesem Geschenk der freien Wahl, dass mein Geburtsrecht als Mensch ist? Wie lebe ich? Nehme ich mit ganzem Herzen teil am Prozess des Lebens – um der Entwicklung des Bewusstseins selbst willen?

F : Wie kann es sein, dass unsere individuellen Entscheidungen die Evolution beeinflussen können?

A : Der Punkt ist dass wir die Evolution jetztschon beeinflussen. Ein Freund von mir, der Kosmologe Brian Swimme, hat kűrzlich gesagt, dass der Prozess der natűrlichen Auslese von der menschlichen Wahl űberholt worden ist. Was bedeutet das? Es bedeutet dass zum ersten Mal in der Geschichte unsere Entscheidungen als Menschen den grőssten Einfluss auf die Entwicklung der Zukunft unseres Planeten haben. Und zum grőssten Teil werden diese Entscheidungen unbewusst getroffen. Solange wir im unbewussten Alptraum von Narzissmus und Selbstsorge verloren sind, werden wir niemals in der Lage sein, zu schätzen, wie wertvoll das Geschenk der freien Wahl wirklich ist und was es bedeutet. Deshalb ist es so dringend notwendig, dass wir jetzt aufwachen, dass wir die Macht zu wählen befreien von unserer zwanghaften Sucht auf die Ängste und Begierden unseres Egos.

Fuer den reifen Menschen am Anfang des 21. Jahrhunderts ist dies die Kurzformel des Zweckes der Erleuchtung:

Die wunderbare Macht des Menschen, frei zu wählen von dem tyrannischen Griff des Egos zu befreien. Und das ist der ganze Unterschied. Es bedeutet das Überleben unserer Spezies und die Evolution unserer Spezies. Und ganz praktisch bedeutet es, dass mehr und mehr von uns den grossen evolutionären Kontext erkennen kőnnen, in dem wir uns befinden, und willens sind, fűr dessen Implikationen Verantwortung zu űbernehmen. Wir műssen anfangen, zum Wohle der Evolution selbst das Geschenk des menschlichen Lebens zu leben und das Geschenk der menschlichen Freiheit der Wahl zu benutzen.

Welches ist der Weg?

Dritter Teil eines Multimedia Interviews mit Andrew Cohen

F: Was ist der Pfad zur evolutionären Erleuchtung und welches sind die Hindernisse dabei?

A: Es gibt nur ein Hindernis für die Erleuchtung: das Ego. Wenn wir frei sein wollen, wenn wir erleuchtet sein wollen, dann müssen wir den Preis zahlen und dieser Preis ist der gleiche, der er vor 5000 Jahren war – der Tod des Egos. Das ist in der evolutionären Erleuchtung nicht anders: wenn die Evolution sich durch uns entfalten soll, dann müssen wir unsere Anhaftung an das Ego transzendieren. Und darum geht es auf dem Weg.

Q: Kannst du erklären, was du mit Ego meinst?

A: Das Wort Ego kann man auf verschiedene Weise definieren. In der psychologischen Definition ist das Ego das organisierende Prinzip innerhalb der Psyche. Und offensichtlich ist das nicht das Ego welches wir transzendieren wollen – das würde uns in große Schwierigkeiten bringen. Aber im spirituellen Sinn kann Ego einfach als Narzissmus definiert werden, eine tiefe, zwanghafte Faszination mit dem eigenen Selbstbild und dem Gefühl ein einzigartiges Individuum zu sein. Das setzt sich dann in eine ungesunde emotionale und psychologische Sklaverei zu einer sehr selbstbezogenen Beziehung zum Leben um. Narzissmus ist die postmoderne Krankheit und solange wir darin verloren sind, werden wir nicht in der Lage sein, auf den spirituellen Impuls und die Anforderung uns zu entwickeln, wirklich zu reagieren. Tatsächlich sind wir so stark um unser eigenes Selbstbild im Spiegel unserer Aufmerksamkeit besorgt, dass wir es sehr schwer haben, uns authentisch zu dem großen und außergewöhnlichen Lebensprozess zu beziehen, von dem wir alle ein Teil sind. Deshalb verbringen zu viele von uns letztendlich ihr Leben damit, Wasser zu treten und sich überhaupt nicht zu entwickeln. Du verstehst also, in diesem großen Zusammenhang beginnt man, das Ego in einem völlig anderen Licht als es üblicherweise der Fall ist, zu sehen: als eine buchstäblich anti-revolutionäre Kraft. Und wenn wir erkennen, wie wichtig unsere eigene befreite Teilnahme an diesem Prozess ist, dann sehen wir wie wichtig es ist, diesen Teil unseres Selbst zu Boden zu ringen und ihn vollkommen unter unserer Kontrolle zu halten. Warum? Damit er auf keinerlei Weise unsere eigenen Fähigkeit, mit ganzem Herzen an diesem Prozess teilzunehmen, verhindert.

Q: Was ist das Selbst jenseits des Ego?

A: Nun, es gibt verschiedene Ebenen dessen, was du bist, was das Selbst ist. Der tiefste Teil von dir ist das Absolute Selbst, das in und als ein unmanifester Raum besteht, jenseits von Zeit und Form. Es kann in der Meditation und in Momenten spontanen Friedens, spontaner Ekstase bewusst erkannt werden. Wenn du das Absolute Selbst erfährst, erfährst du den Teil deiner selbst, der nie geboren wurde und niemals sterben wird. Das ist der Urgrund des Seins selbst, die Leere aus der diese ganze sich entwickelnde Masse von Energie, Materie und Bewusstsein entstand. Doch dieser Seins-Grund ist, obwohl er die Quelle von endlosem Frieden, Seligkeit und Fuelle ist, nicht an dem Lebensprozess beteiligt, weil er niemals etwas geworden ist, du selbst eingeschlossen.

Dann gibt es das, was ich das authentische Selbst nenne – es lebt zwischen dem Seinsgrund und dem Ego. Das authentische Selbst ist die Manifestation und der Ausdruck der ersten Ursache, des kreativen Prinzips im erwachenden Menschen. Es ist der Teil deines manifestierten Selbst, der immerschon frei vom Ego ist. Es ist die positivste, lebensbejahende Dimension deiner selbst als inkarniertem Wesen.

Und wie gesagt, es ist schon frei! Dieses authentische Selbst braucht keine Therapie oder spirituelle Übung, um es in die Lage zu versetzen, schädliche Konditionierungen loszulassen. Es ist ein Teil des Selbst der niemals verletzt, verwundet oder traumatisiert wurde. Warum? Weil es von einer subtileren Ebene der Manifestation ausstrahlt, einer Ebene, die in dieser Welt gesehen werden kann, aber nicht von ihr stammt. Es sorgt sich leidenschaftlich um das Leben, die Wahrheit und die Evolution. Und es drückt sich immer spontan aus. Während das Ego ein Ausdruck der historischen und persönlichen Dimension des Selbst ist, ist das authentische Selbst ein Ausdruck des evolutionären Impulses im Bewusstsein, der immer unpersönlich und universell ist. Wenn unsere Aufmerksamkeit als Folge von Unwissenheit in dem groben Bereich der Wünsche und Ängste des Egos gefangen ist, ist es unmöglich, den Frieden, die Seligkeit und die Fülle des absoluten Selbst oder die ekstatische lebensbejahende Leidenschaft des authentischen Selbst zu erfahren.

F: Wie transzendieren wir dann also das Ego?

A: Indem wir das authentische Selbst entdecken und erfahren. Die meisten Leute erwachen nie zum authentischen Selbst und verstehen daher gar nicht, warum das Ego so ein Problem ist. Es ist nur die Erfahrung des authentischen Selbst, die dir verständlich macht, welch ein Hindernis das Ego tatsächlich ist und dir die unabkömmliche Stärke und Inspiration gibt, es zu transzendieren. Wenn du den Teil deiner Selbst zu fühlen beginnst, in dem das Ego nie existiert hat, und die reine Liebe zum Leben und die uneingeschränkte Leidenschaft für seine Evolution erfährst, dann wirst du, bisweilen sogar verzweifelt wollen, dass du deinen Selbst-Sinn von aller Anhaftung an das Ego und all seinen endlosen Ablenkungen befreist. Der einzige Weg über das Ego hinauszugehen, ist, mehr als alles andere über das Ego hinausgehen zu wollen.

Was bei diesem Erwachen zum authentischen Selbst so wichtig ist, ist,dass man dadurch spontan eine emotionale Verbindung mit dem großen evolutionären Kontext, von dem wir gesprochen haben, erfährt. Und dabei entdeckt man das, was wir einen moralischen Imperativ nennen könnten, in Bezug auf die Anforderung sich zu entwickeln. Er steigt aus der Tiefe deiner eigenen Seele auf – ich muss mich zum Wohle der Evolution selbst entwickeln. Bewusstsein kann sich nur durch mich entfalten und das wird nicht geschehen, ohne dass ich mich mit ganzem Herzen, bedingungslos, dem Prozess hingebe. Und was dabei bedeutsam ist, ist, dass dir das nicht von irgendwo außerhalb deines Selbst aufgezwungen wird, sondern du tatsächlich dazu erwachst. Wenn der erwachende Mensch diesen moralischen Imperativ, sich zu entwickeln, entdeckt, dann ist ein neuer Weg gefunden worden. Warum? Weil man buchstäblich in sich selbst den Grund dafür gefunden hat, ein Mensch zu sein.

Warum hast du eine Spirituelle Gemeinschaft gegründet?

Vierter Teil eines Multimedia Interviews mit Andrew Cohen

F: Warum hast du eine spirituelle Gemeinschaft gegründet?

A: Es ist unwahrscheinlich, dass außerhalb einer sehr konzentrierten Umgebung eine neue Bewusstseins-Ebene entstehen kann. Es ist tatsächlich so, dass, wann immer ein Individuum oder eine Gruppe von Individuen versucht hat, eine höhere Entwicklungs- Stufe zu erreichen, die Gesetze der Wahrscheinlichkeit gegen sie gewesen sind. Wenn so ein wagemutiges, herausforderndes und unendlich delikates Vorhaben überhaupt eine Chance auf Erfolg haben soll, dann wird das nur in einer Gruppe reifer Menschen geschehen, die sich zutiefst eingelassen haben und bereit sind, den Preis dafür zu bezahlen und die heldenhaften Anstrengungen auf sich zu nehmen, die dazu nötig sind.

Meine eigene Erfahrung hat mich davon überzeugt, dass die Erleuchtung der Zukunft kein individuelles Ereignis sein wird, wie es in der Vergangenheit der Fall war, sondern etwas, das im Kollektiv – intersubjektiv - entsteht. Das ist wirklich der Kern dessen, was ich versuche zu erreichen – die Geburt einer neuen Ebene des Bewusstseins, in der der erleuchtete Geist durch ein Kollektiv hervortritt. Schon zu Beginn meiner Arbeit als Lehrer hatte ich intuitive Ahnungen davon, und dann vor einigen Jahren, begann dies sich plötzlich in kurzen Augenblicken zu zeigen, wenn Gruppen ernsthafter Schüler zusammen kamen.

F: Wie ist es möglich, dass Erleuchtung durch ein Kollektiv hervortritt?

A: Wenn eine Gruppe ernsthafter Individuen gezielt zu diesem Zweck außerhalb des Egos zusammenkommt, dann kann das, was man traditionell als erleuchteten Geist bezeichnet, zwischen ihnen entstehen. Weil sie sich im authentischen Selbst begegnen, verschwinden die Unterschiede zwischen dem Einzelnen und der Gruppe und der erleuchtete Geist wird zu der einen Stimme, die zu sich selbst spricht. In diesem zutiefst erwachten Kontext, in dem höheres Bewusstsein als intersubjektiver Grund hervorgetreten ist, enthüllt sich ein wahrhaft revolutionäres Potenzial. Und ich glaube wirklich, dass das der Punkt ist, an dem wir unsere individuelle und kollektive Erlösung finden. Es ist eine Öffnung zu einer völlig neuen Ordnung menschlicher Beziehungen, in der wir nicht nur gemeinsam zu dieser höheren Ebene des Bewusstseins erwachen, sondern, was noch wichtiger ist, beginnen damit zu arbeiten, um die Zukunft zu erschaffen.

Brauchen wir Gurus noch?

Fünfter Teil eines Multimedia Interviews mit Andrew Cohen

F: Viele glauben, dass der Guru ein antiquiertes Überbleibsel einer vergangenen Zeit ist, das wir für unser spirituelles Leben nicht mehr brauchen. Brauchen wir Gurus noch?

A: Nun, im Moment würde ich Ja sagen. Es ist unbedingt notwendig, einen Guru, Lehrer, Mentor/ Wegbegleiter zu haben, wenn wir anstreben, uns zu einer höheren Ebene zu entwickeln. Ohne die positive evolutionäre Spannung die ein authentisches, lebendes Beispiel einer höheren Ebene kreiert, ist es unwahrscheinlich, dass wir uns entwickeln werden, weil die meisten von uns sich einfach nicht so sehr verändern wollen. Mit meinen eigenen Schülern sind die kraftvollen Schübe evolutionärer Erleuchtung nur aufgrund großen Druckes auf die Beteiligten von meiner Seite aus geschehen, aufgrund meiner ständigen Forderung, sich jetzt zu entwickeln. Ohne diesen Anspruch sind die meisten Menschen nicht in der Lage, den evolutionären Zusammenhang in sich selbst wach zu halten. Es liegt nicht in unsere Natur, immer wieder die Grenzen unseres individuellen und kollektiven Potenzials herauszufordern. Ich sehe also im Moment die Rolle des Lehrers als grundlegenden Bestandteil der Bewegung der Evolution selbst. Irgendwann aber glaube ich, werden wir einen Punkt erreichen, an dem diese Rolle nicht mehr notwendig sein wird. Wenn genügend Individuen an einen Punkt kommen, an dem sie beständig als authentisches Selbst außerhalb des Egos leben können, wird dieses höhere Bewusstsein, dieser erleuchtete Geist, tatsächlich als Grundlage ihrer Beziehungen auftreten. Wenn das geschieht, wird die Rolle eines spirituellen Lehrers der Vergangenheit angehören. Wenn dieses Potenzial sich stabilisiert glaube ich, dass die traditionelle Funktion des Gurus durch dieses Kollektiv hindurch auf eine wundersame Weise, die es nie zuvor gegeben hat wirken kann. Aber bis zu diesem Zeitpunkt ist es unbedingt nötig, einen lebenden Lehrer zu haben.

F: Wie sieht es mit all der Korruption aus, die heutzutage unter spirituellen Autoritäten

so verbreitet ist?

A: Nun, natürlich ist die Integrität des spirituellen Lehrers absolut unabkömmlich. Aber wir müssen uns der Tatsache stellen, dass das Versagen so vieler Gurus, Priester, Lamas und Mönche in den letzten 30 oder 40 Jahren uns leider als Ausrede gedient hat, uns selbst aus der Schlinge zu ziehen. Sie haben es uns leicht gemacht, zynisch zu werden, und arrogant die Schlussfolgerung zu ziehen, dass wir es besser wissen und von niemandem Hilfe benötigen. Verstehst du, das Problem ist, dass wir mit unserem Glauben auch unsere Demut verloren haben.

Es ist auch wichtig zu verstehen, dass der Hauptgrund dafür, dass das Konzept des Gurus in unserer Kultur solche Schwierigkeiten mit sich bringt, der ist, dass wir postmodernen Narzissten Hierarchie einfach hassen. Wir wollen nicht, dass irgendjemand höher ist als wir! Selbst fűr sehr intelligente Leute ist es oft schwer zuzugeben, dass es höhere Ebenen der Entwicklung tatsächlich gibt. Warum? Weil, wenn es sie gibt, das vielleicht bedeuten könnte, dass wir selbst uns entwickeln müssten, und dass wir, Gott behüte, vielleicht etwas zu lernen haben von Leuten, die diese Ebenen wirklich erreicht haben.

Wenn wirklich eine spirituelle Revolution stattfinden soll, dann ist für uns die größte Herausforderung, Demut zu kultivieren, genug Demut um die Menschen zu erkennen, die wirklich eine höhere Ebene der Entwicklung erlangt haben und genug Mut, anzustreben, ihnen dort zu begegnen wo sie sind. Verstehst du, wenn ein Lehrer authentisch ist, wird er letztendlich nicht zufrieden sein, bis der Schüler es ihm gleichmacht oder ihn übertrifft. Ein echter Lehrer will keine Folgschaft, sondern mőchte authentische Partner in dieser großen Aufgabe der evolutionären Transformation.

Warum bist du umstritten?

6.Teil eines Multimedia Interviews mit Andrew Cohen

F: Im Laufe der Jahre hast du wirklich den Ruf erlangt, sehr offen und kompromisslos zu sein, was dazu geführt hat, dass du sehr prominente Befürworter aber auch einige sehr lautstarke Kritiker gefunden hast. Woran, meinst du, liegt es, dass die Leute auf dich so extrem reagieren?

A: Weil ich versuche etwas neues zu schaffen, etwas dass noch nie vorher geschehen ist. Und das provoziert ungeheuren Widerstand. So funktioniert die Evolution – das Alte widersteht dem Neuen immer. Und oftmals begegnet gerade jenen Menschen der größte Widerstand, die hervortreten, um eine Vision von etwas zu verfolgen, was noch nicht entstanden ist.

Seit ich angefangen habe zu unterrichten besteht meine ganze Geschichte aus diesem Himmel-und- Hölle-Erlebnis – auf der einen Seite surfe ich ständig den Kamm einer Welle der evolutionären Entstehung und gleichzeitig sehe ich mich gewaltiger Opposition gegenüber, sowohl in spirituellen Kreisen, als auch von meinen eigenen Schülern, Leuten, denen ich sehr nahe stand.

Schon seit Jahren sage ich, dass alle erleuchtet werden wollen, aber sich niemand verändern will. Es ist ein eigenartiges Paradox, mehr und mehr Menschen werden sich heutzutage des spirituellen Impulses bewusst, aber sehr wenige wollen wirklich ein anderer Mensch werden. Und ich verlange von den Leuten, sich auf eine ganz bestimmte Weise zu verändern – nämlich über das Ego hinauszugehen. Und ich habe auf die harte Tour herausgefunden, dass niemand das tun will. Intellektuell verstehen mich die Leute, und sagen Ja dazu. Aber wenn es wirklich darauf ankommt, zeigt sich oft, dass die emotionale Herausforderung für die Meisten einfach zu groß ist. Weil ich mich dem Ego also wirklich stelle, rufe ich in gewissem Sinne den Drachen aus seiner Höhle hervor und kämpfe mit ihm. Es ist nicht so, dass ich die Leute nicht warne. Ich spreche viel darüber, dass über das Ego hinauszugehen das Schwierigste ist, was ein Mensch je tun könnte – außer sich dem eigenen physischen Tod stellen zu müssen. Und trotzdem sind die Leute immer überrascht, wenn sie an die Grenzen ihres eigenen Willens kommen, das Ego zurückzulassen. Dann entscheiden sie plötzlich zu oft, dass es einfach zu schwer ist, obwohl sie sich selbst schon tief auf diesen Prozess eingelassen haben.

Verstehst du, wenn jemand Ja sagt zu diesem evolutionären Ruf, dann sagt er oder sie Ja zum besten Teil ihres Selbst. Und das ist ein sehr heiliger Moment. Denn wenn man den evolutionären Kontext tief verstanden hat, dann erwacht plötzlich das eigene Gewissen zu einer Verpflichtung, sich zu verändern, zu entwickeln, um der eigenen tiefsten Erfahrung der Erleuchtung würdig zu werden. Aber mit diesem Ja beginnt die Reise erst und die eigene Ernsthaftigkeit wird auf die Probe gestellt werden. Und wenn man sich von dem, zu dem man Ja gesagt hat dann zurückzieht, sagt man tatsächlich zum tiefsten Teil des eigenen Selbst Nein. Und die meisten Menschen sind nicht demütig genug, diese Tatsache zu ertragen. So lächerlich es klingen mag, das Ego wird vom eigenen Versagen sich selbst zu transzendieren, gedemütigt und damit sich die Person besser mit sich selbst fuehlen kann, muessen sie sich zu oft gegen das wenden, was sie selbst als das Heiligste erkannt haben.

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Gender, Bewusstsein und kulturelle Evolution

Februar 7th, 2010 by · Kommentare deaktiviert · Andrew Cohen, Intersubjektives Bewusstsein und Entwicklung der Kultur

Gender, Bewusstsein und kulturelle Evolution

Auszüge aus einem Dialog mit Andrew Cohen, November 2005.

F: Welche Rolle spielt das Geschlecht in der Lehre des Evolutionary Enlightenment? Definierst du verschiedene Wege oder Ausdrucksformen der Erleuchtung für Männer und Frauen oder glaubst du, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern transzendiert werden müssen?

In der Lehre der evolutionären Erleuchtung ist das letztendliche Ziel für Männer und Frauen gleich. Aber das Geschlecht ist eine unleugbare Tatsache unseres Lebens. So gern ich es vielleicht auch täte, ich kann die Tatsache, dass ich ein Mann bin, nicht verleugnen, und genauso kannst du die Tatsache, eine Frau zu sein, nicht abstreiten. Es gibt dem innewohnende Unterschiede, aber an und für sich sind sie kein Hindernis, das ultimative Ziel zu realisieren, das über alle Unterschiede hinausgeht. Das Problem entsteht, wenn das Ego sich mit diesen Unterschieden identifiziert, um sich besonders, einzigartig oder überlegen zu fühlen. Wenn dein Ego – das Empfinden, ein getrenntes Selbst zu sein – sich mit deinem Geschlecht als einer Quelle der Macht identifiziert, damit du dich in der Beziehung zu anderen lokalisieren kannst, dann wird das ein Problem – ein Hindernis dabei, mit anderen in einem höheren unpersönlichen Bewusstsein zusammenzukommen, worum es bei dieser Lehre geht. Wenn aber die Tatsache des Geschlechts anerkannt, gesehen und angenommen wird, ohne dass man es als Mittel benutzt, sich von anderen getrennt zu sehen, sich anderen gegenüber zu lokalisieren, dann wird selbst die Tatsache des Geschlechts transparent. Auf der menschlichen Ebene bedeutet das nicht, dass du die Tatsache deines Geschlechts vermeidest oder die weitreichenden Konsequenzen, die es mit sich bringt. Aber es wird nicht mehr überbetont. Wenn wir einen Mann oder eine Frau treffen, die übermäßig mit ihrem Geschlecht oder ihrer Sexualität identifiziert ist, dann können wir erkennen, wie dieser Aspekt des Selbst übertrieben wird und die Persönlichkeit sich diesbezüglich verzerrt. Aber wenn wir eine ungewöhnlich erleuchtete Person treffen, dann stellen wir fast immer fest, dass das, was sie so anziehend und attraktiv macht, die Tiefe ihres Bewusstseins ist, ob sie nun männlich oder weiblich ist. Und natürlich wird die Tatsache ihres Geschlechts eine Auswirkung darauf haben, wie dieses Bewusstsein übertragen wird, aber das wird nach der für uns alle gleichen Natur des Bewusstseins immer zweitrangig sein.

Erleuchtung bedeutet Bewusstsein jenseits des Egos. Wenn wir also die Frage des Geschlechts in einem Kontext der Erleuchtung verstehen wollen, müssen wir fragen: Wie würde sich ein Mann verhalten, wenn er sich nicht länger mit seinem Geschlecht identifizierte, um sich als von anderen getrennt lokalisieren zu können? Und wie würde sich eine Frau verhalten, wenn sie das Gleiche täte? Das ist etwas, was wir selbst herausfinden müssen. Wie würde der Ausdruck unserer Menschlichkeit sein, wenn sich das Ego auf tiefe und grundlegende Weise nicht mehr mit unserem Geschlecht als einer besonders bedeutsamen Dimension unseres Selbst identifizierte, dieses aber zugleich in keiner Weise verleugnet würde? Wie wäre es für eine Frau, eine Frau zu sein, ohne Maske und befreit von der gesellschaftlich kultivierten femininen Rolle, die auf Männer so viel Macht ausübt? Wie wäre es für einen Mann, wirkliche Transparenz zu verkörpern, Selbstsicherheit und Seelenstärke, ohne die Extreme von Arroganz oder Schwäche? Viele der Charakterzüge, die wir mit unserem Geschlecht verbinden, haben wir nicht von Natur aus, sondern sind von der Kultur und zwischengeschlechtlichen Machtdynamiken geschaffen. So wie ich Kultur verstehe, ist sie der Kontext unserer Beziehungen. Wovon ich hier also spreche, ist wirklich die Evolution der Kultur.

Wenn Männer und Frauen wirklich frei sein wollen, müssen sie sich auf einen schwierigen Balanceakt einlassen, und das erfordert einen revolutionären Geist. Wir werden gegen tief eingefahrene Tendenzen in Bezug auf unser Geschlecht und unsere Sexualität angehen müssen. Wir werden uns über eine Menge biologischer und gesellschaftlicher Konditionierungen hinwegsetzen müssen, um herauszufinden, welches ein erleuchteter Ausdruck unserer Männlichkeit und Weiblichkeit sein könnte. Wenn Männer und Frauen das nicht tun, werden wir als Individuen nie frei sein. Ich bin davon überzeugt, dass es möglich ist, uns von diesen biologischen und kulturellen Strukturen zu befreien, ohne unsere sexuelle Natur in irgendeiner Weise zu verleugnen. Aber es kommt sehr selten vor, dass Einzelne das zustande bringen. Warum? Weil die meisten Menschen die Illusion des Unterschieds einfach nicht aufgeben wollen.

Ich nenne diese Lehre “Befreiung ohne Gesicht“. Sie repräsentiert für mich ein spannendes und so gut wie unerforschtes Potenzial. Stell dir vor, wie ein sich entwickelnder reifer Mensch aussehen würde, der transparent und authentisch geworden ist und alle Schleier falscher Trennung fallengelassen hat. Wie würde das die Beziehung zwischen Männern und Frauen verändern? Das ist ein neues Gebiet, vollkommen verschieden von den meisten anderen spirituellen Ideen von Beziehungen, die sich durch Polaritäten definieren. Diese Art von Beziehung könnte eine radikale Transparenz und Authentizität ausdrücken, in der Männer und Frauen eine neue Stärke finden, welche die meisten Menschen aber vollkommen beängstigend finden würden, weil so viel von der Illusion des geschaffenen Selbst fortfallen müsste. Es ist die Zerstörung eines ganzen kulturellen Kontextes und die Schaffung eines völlig neuen, der auf einer Authentizität beruht, die für die meisten von uns zu viel ist. Es ist eine neue Welt.

An dieser Welt ist so aufregend, dass sie noch nicht existiert. Sie muss geschaffen werden. Sie existiert nur als unmanifestiertes Potenzial, das von heldenhaften Individuen geschaffen werden kann, die das enorme Risiko einzugehen bereit sind, sich selbst zu transformieren. Aber wenn einige von uns dazu bereit sind, dann, denke ich, könnten Transparenz und Authentizität für Männer und Frauen eine Gewohnheit werden, genauso wie unsere traditionellen Geschlechterrollen gewohnheitsmäßig in uns festgeschrieben wurden. Dann wird diese neue Welt nicht mehr nur ein Potenzial sein, sondern ein echter, lebendiger Bezugspunkt in der menschlichen Entwicklung. Für mich ist das der nächste Schritt in der Evolution unserer Kultur. Selbst dieses Potenzial für Männer und Frauen, auf völlig neue Weise zusammenzukommen, existiert nur aufgrund der Zeit, in der wir leben, und der außergewöhnlichen Revolutionen, die sich in unserer Gesellschaft schon ereignet haben. Wenn wir all die gesellschaftlichen Freiheiten, die uns in den letzten 40 Jahren zugänglich wurden, in einem Kontext befreiten Bewusstseins jenseits des Egos zusammenbringen, dann wissen wir nicht, was da möglich wäre.

Indem wir das Thema Sexualität und Beziehungen der Geschlechter jenseits des Egos anschauen, denke ich, können wir eine ganz neue Definition von erleuchteter Kultur ins Leben rufen. Aber das ist eine enorme Herausforderung. Diese tiefen Identifizierungen sind der Kleber, der die Gesellschaft zusammenhält, es ist also kein Kinderspiel, anzufangen sie aufzulösen. Die Tatsache ist, dass bei den meisten von uns das Ego so mit unserer sexuellen Natur und den kulturell geschaffenen emotionalen und psychlogischen Strukturen identifiziert ist, die in Verbindung damit konstruiert wurden, dass wir, wenn wir uns auf dieses Gebiet begeben, sehr schnell unsere Objektivität und Achtsamkeit verlieren. Es bedarf eines heroischen Interesses an der Befreiung, um diese Dimension unserer selbst zu erleuchten. Es ist faszinierend darüber nachzudenken, dass es traditionell eine der Aufgaben der Religion war – in welch unzureichender Form auch immer – , die Menschen zu lehren, eine zivilisiertere Beziehung zu den primitiven Kräften unserer biologischen Natur herzustellen. Wenn wir also darüber sprechen, einen erleuchteten Kontext auf das Gebiet Geschlecht und Sexualität anzuwenden, dann sprechen wir tatsächlich von einer viel höheren Ebene derselben evolutionären Dynamik. Und es bedarf einer kleinen, aber nicht unbedeutenden Anzahl revolutionärer Seelen, die willens sind, dies zusammen zu tun. Darin liegt die Kraft des Ganzen: in unserer Einheit der Bestimmung. Das kann die Strukturen der Kultur aufbrechen und eine neue Welt an der äußersten Grenze des Möglichen schaffen.

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Befreiung ohne Gesicht

Februar 7th, 2010 by · Kommentare deaktiviert · Andrew Cohen, Intersubjektives Bewusstsein und Entwicklung der Kultur

Befreiung ohne Gesicht

Der 30. Juli ist für mich und die internationale Gruppe meiner Schüler zum wichtigsten Tag des Jahres geworden. An diesem Tag im Jahr 2001 offenbarte sich uns zum ersten Mal das, was ich evolutionäre Erleuchtung nenne: eine Erleuchtung, die über das Individuum hinausgeht. Als wir dieses Jahr den 30. Juli feierten, konnte ich mit Stolz sagen, dass sich diese Woge egolosen Bewusstseins, das Authentische Sebst, fünf Jahre später durch unsere gemeinsame Arbeit immer weiter entwickelt und ausdrückt. Der bedeutsamste Aspekt dieser Entwicklung ist jedoch ein dramatischer Sprung vorwärts durch viele meiner weiblichen Schülerinnen.

Obwohl in jeder Lehre der Erleuchtung der Sprung, der über das Ego hinaus gemacht werden muss, letztendlich für Männer und Frauen der gleiche ist, scheint es doch häufig der Fall zu sein, dass bei der Art und Weise, wie wir uns diesem Sprung annähern, die sehr realen Unterschiede in den biologischen und kulturellen Strukturen in Betracht gezogen werden müssen, die mit dem jeweiligen Geschlecht zusammenhängen. In den zwei Jahrzehnten meiner Tätigkeit als Lehrer hatte ich Gelegenheit, mehrere hundert Männer und Frauen genau zu beobachten, und zu sehen, wie verschieden sie auf den Ruf zur Befreiung und die Herausforderungen der Evolution jenseits des Egos reagieren.

Es wurde mir schon vor langer Zeit klar, dass das Ego auf dieselbe Weise einer Identifikation mit unserem Geschlecht verhaftet ist, wie es sich mit so gut wie jedem anderen Aspekt des Selbst identifiziert, um sein eigenes Spiegelbild zu sehen. Ich beobachtete, wie jede übermäßige oder selbstbezogene Identifikation mit unserem Geschlecht oder unserer sexuellen Orientierung, in Männern wie in Frauen, zu einem übertriebenen, unnatürlichen Ausdruck des Geschlechts durch die Persönlichkeit führt. Wenn Erleuchtung der “natürliche Zustand”; ist, denn erhebt sich die wichtige Frage: Wie sieht ein natürlicher, unbefangener Ausdruck des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung aus? Wie würde unsere Welt aussehen, wenn wir als Männer und Frauen unser Geschlecht und die realen Unterschiede, die existieren, nicht verleugneten, uns aber gleichzeitig nicht übermäßig damit identifizierten, dass wir zufällig in einem männlichen oder weiblichen Körper geboren wurden. Anders ausgedrückt – wie würde der natürliche, unbefangene, egolose Ausdruck des Geschlechts und der sexuellen Orientierung aussehen? Dieses Potenzial, welches ich “Befreiung ohne Gesicht” genannt habe, fasziniert mich schon seit Jahren. Ich versuche nichts Geringeres als eine neue Kultur der Erleuchtung ins Leben zu rufen, einen intersubjektiven, gemeinsamen Kontext oder ein Bewusstseinsfeld, in dem die Identität der Geschlechter und die sexuelle Orientierung, vielleicht zum allerersten Mal, unbeschadet jeglicher falscher Vorstellungen vom Selbst sichtbar werden könnte. Herauszufinden, wie das für Männer und Frauen aussehen würde, ist ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit als Lehrer.

Was Frauen anbelangt, so wäre ein wichtiger Baustein der Schaffung dieser neuen Kultur eine Befreiung von dem grundlegenden und tief verwurzelten Glauben, dass Fülle, Ganzheit, Erfüllung, Sicherheit und Schutz in der Beziehung zu Männern zu finden sind. In den letzten zwölf Jahren habe ich verzweifelt versucht, Frauen dazu zu inspirieren und zu bewegen, sich für wirkliche Freiheit zu interessierten – dafür, eine radikale Unabhängigkeit anzunehmen, die sie von dem unaufhörlichen Zwang befreien würde, Sicherheit und Schutz in den traditionellen Rollen der Mutter, Liebhaberin, Ehefrau und der mitfühlenden, fürsorglichen Anderen zu suchen. Die befreiende Wahrheit der Nondualität, dass es keinen anderen gibt, muss von Männern und Frauen angenommen werden, wenn wir wirklich den Grundstein legen wollen für eine erleuchteten Kultur jenseits des Egos. Die Evolution der Kultur ist die Evolution des intersubjektiven Kontextes unserer menschlichen Beziehungen. Eine erleuchtete Kultur wäre also eine solche, in der die Grundlage und der Kontext unserer Begegnungen nichts Geringeres wäre als die befreiende Wahrheit, dass es buchstäblich keinen anderen gibt. Und der Zugang zu dieser Wahrheit liegt für Frauen darin, einen Grad der Unabhängigkeit anzunehmen, der wirklich radikal ist und der seinem Wesen nach eine leidenschaftliche Sehnsucht nach Freiheit jenseits von Beziehungen entzündet.

Seit kurzem ist diese Leidenschaft wie ein Waldbrand entflammt. Es bedurfte unaufhörlicher und unnachgiebiger Anstrengungen meinerseits, diese grundlegende Veränderung in der weiblichen Natur zu bewirken. Einen wirklich revolutionären Impuls gibt es selten. Die meisten von uns – Männer wie Frauen – sind nur allzu bereit, Kompromisse einzugehen und sich einzufügen, anstatt zu versuchen, ein wirklich aufregendes, wirklich bedeutungsvolles Leben zu erschaffen. Und obwohl das selten Teil der Natur oder der kulturell vererbten Rolle der Frauen ist, hängt die Schaffung einer erleuchteten Zukunft vollkommen davon ab, dass zumindest einige Frauen bereit sind, wirkliche Revolutionäre zu sein.

Der Kampf, die Zukunft jetzt zu erschaffen, ist ein immerwährendes Anliegen und eine unaufhörliche Praxis totalen und unbedingten Engagements mit dem Lebensprozess an der äußersten Grenze des Möglichen. Das ist das Leben, welches ich lebe und zu welchem ich andere unaufhörlich einlade und gleichzeitig auffordere, es mit mir zu leben. Viele wunderbare, aufregende und bedeutsame Fortschritte werden hier täglich gemacht und auf dieser Webseite bald dokumentiert. Es gibt so viel mitzuteilen. Bleiben Sie dran!

Andrew Cohen

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