EnlightenNext Impulse Nr. 5

Echte Beziehungen – Was uns wirklich verbindet

Inhalt:

  • Editorial Tom Steininger
  • Denkanstoss Durchblick zum Du
  • Bewegungsmelder Neues aus einer entstehenden Kultur
  • Evolutionäre in Aktion Afrika verändern – von Dorf zu Dorf
  • Freiheit und Demut Die Lehrer-Schüler-Beziehung im 21. Jahrhundert, Ken Wilber & Andrew Cohen
  • Die Verwandlung der Materie Ein Interview mit Pia Gyger über Zen, evolutionäre Mystik und Liebe im Zölibat
  • Radio EnlightenNext Integrale Beziehungen Ein Gespräch mit Martin Ucik über die Mann-Frau-Beziehung in einem neuen Kontext
  • Leben in Verbundenheit Andrew Cohen im Gespräch mit Nora Bateson
  • Zu viele „Shades of Grey“ Wie Frauen wirkliche Selbstbestimmung finden, Elizabeth Debold
  • Was ist ein Wir? Reflexionen über das innere Universum der Beziehungen, Carter Phipps
  • Denkend leben Nadja Rosmann im Gespräch mit Tom Steininger
  • Ein Amerikaner in Berlin Integrale Eindrücke bei einer Reise durch Deutschland, Jeff Salzman
  • Die romantische Illusion durchschauen Andrew Cohen

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Editorial von Tom Steininger

Wir alle leben in Beziehungen. In dieser Ausgabe der Impulse wollten wir deshalb einmal einen „evolutionär-spirituellen Blick“ auf die ganz unterschiedlichen Möglichkeiten richten, echte, menschliche Beziehungen zu leben. Dazu haben wir versucht, verschiedene Ausdrucksformen von Beziehung in diesem Heft näher zu beleuchten.

Von einer Form der Beziehung, die mich sehr berührt hat, spricht die Zen-Meisterin und katholische Ordensfrau Pia Gyger in unserem Beitrag „Die Verwandlung der Materie“. Pia Gygers Lebensweg, eine Verbindung von Zen und evolutionärem Christentum, spiegelt sich auch in ihrer zölibatären Liebesbeziehung mit dem Jesuitenpater Niklaus Brantschen. Offen und direkt spricht sie über einen Lebensweg, der tief inspiriert. Über eine andere Form authentisch gelebter Beziehung spricht Nora Bateson in unserem Interview: die außergewöhnliche Beziehung, die sie als Kind zu ihrem Vater hatte, dem bekannten Systemforscher Gregory Bateson – ein Mann, der wie kaum ein anderer über die Verbundenheit allen Lebens geforscht hat. Bateson sah in seiner Arbeit Beziehung als einen essenziellen Aspekt der Wirklichkeit, wie das Gespräch zeigt, kam das auch in seinen privaten Beziehungen zum Ausdruck.

Wir stellten uns natürlich auch die Frage, wie wir die Mann-Frau-Beziehung in neuer Weise leben können. In Martin Ucik fanden wir einen Gesprächspartner, der versucht, das Thema der Mann-Frau Beziehungen mithilfe der integralen Landkarte zu vertiefen. Dadurch zeigt er, dass wir unsere Beziehungen in einem größeren Kontext der Entwicklung klarer verstehen lernen.

Viele haben uns danach gefragt und jetzt ist es endlich soweit: Es gibt in dieser Ausgabe eine weitere Fortsetzung der Guru & Pandit-Gespräche zwischen Andrew Cohen und Ken Wilber, und natürlich sprechen beide über Beziehungen, allerdings über eine menschliche Beziehung, die heute oft mit gemischten Gefühlen gesehen wird. In „Freiheit und Demut – Die Lehrer-Schüler-Beziehung im 21. Jahrhundert“ stellen sie sich der Frage, ob es heutzutage noch möglich ist, in einer authentischen Beziehung mit einem spirituellen Lehrer zu sein. Brauchen wir heute überhaupt noch spirituelle Schüler-Lehrer-Beziehungen?

Nachdem wir diese verschiedenen Formen von Beziehung näher betrachtet hatten, stellte sich uns noch eine grundlegendere Frage: Was meinen wir eigentlich ganz allgemein, wenn wir von menschlichen Beziehungen sprechen? Was ist eigentlich ein Wir? In seinem Beitrag beschreibt Carter Phipps dieses Mysterium des Wir und stellt fest, dass wir in der Entdeckung des intersubjektiven Universums noch ganz am Anfang stehen.

Unsere Beziehungen hängen auch zutiefst mit unserer Kultur zusammen – und sie formen die Kultur. Deshalb haben wir noch zwei Beiträge ins Heft genommen, die aktuelle kulturelle Phänomene beleuchten. Elizabeth Debolds Beitrag trägt diesmal den Titel: „Zu viele „Shades of Grey“. Unter anderem mit Bezug auf den Weltbestseller Shades of Grey, der vor wenigen Wochen auch in Deutsch erschienen ist, schreibt sie über das Selbstverständnis junger Frauen von heute, die in einer medienvermittelten, pornofizierten Kultur Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit suchen. Eine ganz andere Kulturstudie hat uns Jeff Salzman geschickt. Der amerikanische integrale Denker legt uns einen Reisebericht vor – einen Reisebericht aus Deutschland, das er im Juni dieses Jahres besuchte. Darin zeigt er nun mit einem pointierten integralen Blick von außen, wie ein Amerikaner dieses Land erlebt.

Und schließlich noch ein Wort in eigener Sache: Die Spirituelle Herbstakademie in Frankfurt geht diesen Oktober in ihr siebtes Jahr. Diesmal sprechen wir mit Freunden und Kollegen aus anthroposophischen, integralen und anderen Feldern über „Aufklärung, lebendiges Denken und Spiritualität“. Als Einstieg dazu bringen wir in diesem Heft ein Gespräch zwischen der Kulturanthropologin Nadja Rosmann und mir zur Frage: Was bedeutet es, „denkend zu leben“? So ist außerdem dieses ganze Heft gemeint: als ein Impuls, die von uns angesprochenen Themen auf Ihre Weise selbst weiterzudenken.

 

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Ausschnitt aus dem Artikel mit Pia Gyger:

Die Verwandlung der Materie

Ein Interview mit Pia Gyger über Zen, evolutionäre Mystik und Liebe im Zölibat

ENLIGHTENNEXT IMPULSE: Sie sind christliche Ordensfrau und Zen-Lehrerin in der Tradition von Pater Lassalle, der als Jesuit einer der Ersten war, die die Verbindung zwischen christlicher und östlicher Spiritualität in Europa verbreitet und gelebt haben. Wie verbinden Sie diese beiden Traditionen, die ja im ersten Anschein unterschiedliche Schwerpunkte setzen? Im Gegensatz zur christlichen Spiritualität steht Zen ja vor allem für eine Spiritualität der Leere.

PIA GYGER: Ja, aber das ist nur der eine Teil. Zen hat vier Stufen des Erwachens. Die erste Stufe heißt Zanmai – Eintritt ins Versunkenheits-Bewusstsein. Die zweite Stufe heißt Satori – Erwachen aus der Illusion der Getrenntheit oder die Erfahrung der Einheit allen Lebens. Die dritte Stufe heißt Kensho und steht für die Erfahrung der Leere. Und die vierte Stufe, Mujodo-no taigen, bedeutet: Der Alltag ist der Weg. Im ganz konkreten Alltag müssen wir die Einheit und Leere, die wir erfahren haben, umsetzen.
Mystik ist ein sehr allgemeiner Begriff und bedeutet zunächst einfach die Erfahrung von Einheit und Leere. Die finden wir in allen Religionen unterschiedlich formuliert. Es geht um die Einheit allen Lebens und dann eventuell noch um die Leere.
Als wir mit Zen anfingen, haben wir nach unseren eigenen Quellen gesucht, die Ähnliches aufzeigen. Unsere deutschen Mystiker haben das auch wunderbar formuliert: Meister Eckhart, Johannes Tauler und viele mehr, auch einige spanische Mystiker.

Ein Sinn für den Kosmos

ENI: Vor allem, wenn man Meister Eckhart liest, spürt man bis in die Sprache hinein eine Mystik, die man eigentlich eher mit dem Zen verbinden würde. Dann ist aber noch ein anderer Einfluss für Sie sehr wichtig: Der Pionier einer evolutionären Spiritualität Teilhard de Chardin, der für eine moderne Spiritualität steht, die sich auf die Erkenntnisse der Evolution bezieht.

PG: Teilhard de Chardin ist eine große Inspiration, denn er findet eine zeitgemäße Sprache. Er nennt unsere Zeit nicht die Zeit der Globalisierung, sondern die Zeit der Planetisation. Und er sagt, wenn die ganze Menschheit zum ersten Mal zusammenkommt und vernetzt ist, dann brauchen wir drei neue Sinne: einen Sinn für die Menschheit, einen Sinn für die Erde und einen Sinn für den Kosmos. Wir haben Satelliten und Astronauten im Weltall. Aber wir müssen diesen Sinn für den Kosmos auch in unser Bewusstsein holen und erkennen, dass wir Teil dieses Kosmos sind.

ENI: Teilhards Anliegen war die Entwicklung des Kosmos, die er tief spirituell verstanden hat. Es gibt eine Formulierung von ihm, in der er sagt: „Der neue Gott ist der Gott der Evolution.“ Und viele seiner theologischen Schriften enthalten diese Dynamik des Aufbrechens zu etwas Neuem. Wie sehen Sie die Verbindung zwischen der Erfahrung von „Kensho“ im Zen, jenem mystischen Urgrund jenseits von Zeit und Raum, der auch bei Meister Eckhart eine große Rolle spielt, und dieser, ich würde sagen, neuen und feurigen Spiritualität eines Teilhard de Chardin?

PG: Die Verbindung ist der erwachte Mensch, der im Alltag ein Bewusstsein von der Einheit allen Lebens aufrechterhält und daraus agiert und nicht mehr aus der Illusion der Getrenntheit lebt. Zen sagt uns: Der Unerwachte lebt in der Illusion der Getrenntheit. Erwachen bedeutet, immer mehr aus dieser Getrenntheit herauszukommen und hineinzufinden in die Erfahrung der Einheit allen Lebens in jedem Moment, und dann entsprechend zu handeln. In der heutigen Zeit scheinen mir Teilhards drei neue Sinne sehr wichtig zu sein, besonders der Sinn für die Menschheit.